In der deutschen Industrie wächst die Erkenntnis, dass die politisch induzierten Kostennachteile zu erheblichen Wettbewerbsnachteilen im internationalen Vergleich führen. Eine beschleunigte Deindustrialisierung ist die Folge. Wie ist die Lage?
Arbeitskosten: Produktivität gleicht nicht alles aus
Eine Industriestunde in Deutschland kostet nach Eurostat und Destatis rund 60 US-Dollar. In den USA sind es 48, in Portugal 17, in Polen 14, in Rumänien 11, in China gut 6. Wer nur auf diese Zahlen schaut, hält den Standort Deutschland für verloren. Wer genauer rechnet, sieht ein differenzierteres, aber kaum beruhigenderes Bild.
Deutsche Industriebeschäftigte erwirtschaften je Stunde etwa 89 Dollar Wertschöpfung, drei- bis viermal so viel wie in Polen, Portugal oder Rumänien und über fünfmal so viel wie in China. Entscheidend sind daher die Lohnstückkosten, also Arbeitskosten je Einheit Wertschöpfung.
Hier schrumpft der osteuropäische Vorteil von 70 bis 80 Prozent auf 10 bis 20 Prozent. Gegenüber China bleibt ein Nachteil von rund 40 Prozent, gegenüber den USA von 36 Prozent. Die US-Amerikaner zahlen kaum niedrigere Löhne, sind aber um ein Viertel produktiver.
Energie: der Nachteil vor der Steuer
Industriestrom kostet in Deutschland rund 23 Cent je Kilowattstunde, in den USA 11, in China 9. Auch Polen und Rumänien liegen 15 bis 17 Prozent darunter, Portugal über 40 Prozent. Bemerkenswert: Steuern und Umlagen machen in Deutschland nur knapp ein Fünftel des Energiepreises aus. Schon vor Steuern ist der deutsche Strom der teuerste der Vergleichsgruppe. Netzentgelte, CO2-Preis, Atomausstieg und das Ende des russischen Pipelinegases sind politische Entscheidungen – billiges Schiefergas in den USA und Kohle in China dagegen Standortgegebenheiten.
Für die Breite der Industrie ist Energie dennoch nicht der größte Posten. Im Maschinen- und Fahrzeugbau liegt ihr Anteil am Produktionswert bei etwa einem Prozent. Existenziell ist sie für die Chemie-, Metall-, Glas- und Papierindustrie, die drei Viertel der Industrieenergie verbrauchen. Deren Produktion ist seit Februar 2022 um gut 15 Prozent gefallen.
Abgaben: hoch, aber nicht überall Spitze
Mit knapp 30 Prozent Gewinnsteuer liegt Deutschland über den USA und China, deutlich über Polen (19 Prozent) und Rumänien (16 Prozent). Hinzu kommen in Deutschland Abgaben auf Arbeit (Arbeitgeberanteile), die in der OECD nur von Belgien übertroffen wird. Ein beträchtlicher Teil des Lohnkostennachteils ist damit ebenfalls politisch gemacht.
Was Unternehmen tun können – und tatsächlich tun
Die häufigste Reaktion von deutschen Industrieunternehmen ist die stille: Kapazitäten werden nicht mehr im Inland ausgebaut. Investitionen fließen bevorzugt in die USA, nach Osteuropa und Asien. Auch die wertschöpfungsintensive Forschung und Entwicklung zieht nun allmählich aus Deutschland ab und folgt der Produktion. Daneben sind folgende Kostensenkungsmaßnahmen populär, aber wohl weitgehend ausgereizt oder zunächst mit hohen Investitionen verbunden:
- Energie: Eigenerzeugung mit Photovoltaik und Speichern, langfristige Stromlieferverträge (PPA), Abwärmenutzung, Lastverschiebung in günstige Stunden und konsequente Nutzung von Entlastungen.
- Produktivität: Automatisierung, Robotik und KI in Fertigung und Verwaltung senken die Lohnstückkosten direkt – der wirksamste Hebel gegen Konkurrenten mit hohen Löhnen wie die USA.
- Wertschöpfungstiefe: Lohnintensive Vorfertigung nach Polen, Rumänien oder Portugal, hochwertige Endmontage und Systemkompetenz in Deutschland.
- Steuern: Standortwahl für Holding und Lizenzen, Nutzung von Forschungszulage und Abschreibungsregeln.
- Markt: Spezialisierung auf Nischen, in denen Qualität, Service und Technologie den Preis schlagen.
Keiner dieser Schritte beseitigt den oben beschriebenen Kostennachteil deutscher Unternehmen vollständig. Er lässt sich mindern – auflösen lässt er sich nur politisch.




