Kampf um die Arbeitszeit

Was Arbeitgeber und Arbeitnehmer wollen

iStock, CHOLTICHA KRANJUMNONG

Kampf um die Arbeitszeit

Was Arbeitgeber und Arbeitnehmer wollen

Deutschland steckt seit Jahren in einer Wirtschaftskrise. Die staatlichen, über Schulden finanzierten Milliarden-Programme für Rüstung, Infrastruktur und Energie verhindern derzeit Schlimmeres. In der Automobilindustrie und im weiteren Maschinenbau werden Stellen im großen Stil abgebaut. Da verwundert es nicht, wenn Arbeitgeber eine bessere Arbeitszeitflexibilität fordern, die jedoch an den Wünschen von Arbeitnehmern vorbeigehen. Der Gesetzgeber müsste darauf mit arbeitsrechtlichen Anpassungen reagieren.

Forderungen der Arbeitgeber

Die deutschen Arbeitgeber fordern vermehrt eine Rückkehr zu längeren Wochenarbeitszeiten – bis hin zur alten 40-Stunden-Woche in Branchen, wo deutlich weniger gearbeitet wird. Angeführt wird die Forderung nach längeren Arbeitszeiten derzeit von der Automobilindustrie. Ein Beispiel dafür, wie einen Lösung in der Praxis aussehen kann, liefert der Autozulieferer Aumovio in Villingen-Schwenningen: Dort gilt seit 1. Juli 2026 eine 38- statt einer 35-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich, Die IG Metall spricht von einer seltenen Ausnahme, mit der ein Stellenabbau verhindert werden konnte.

Ein weitere Forderung der Arbeitgeber betrifft die Höchstarbeitszeit. Anstelle des starren Acht-Stunden-Tages, der aktuell nur in Ausnahmefällen auf zehn Stunden verlängert werden darf, verlangen Arbeitgeber mehr Flexibilität, um die Arbeitszeiten bedarfsgerechter über die Woche zu verteilen. Die europarechtliche Obergrenze von durchschnittlich 48 Stunden pro Woche soll dabei unangetastet bleiben

Die Realität in Deutschland

Die tatsächliche Arbeitszeit in Deutschland ist nach Angaben des Statistischen Bundesamtes seit Jahrzehnten rückläufig. 1991 lag die gewöhnliche Wochenarbeitszeit aller Erwerbstätigen noch bei 38,4 Stunden, 2024 waren es nur noch 34,3 Stunden – ein Rückgang um 4,1 Stunden. Damit liegt Deutschland unter dem europäischen Durchschnitt von 36,8 Stunden, aber über den Niederlanden mit 31,2 Stunden und deutlich unter Serbien mit 42,2 Stunden. 

Wünsche der Arbeitnehmer

Auf Arbeitnehmerseite überwiegt der Wunsch nach kürzeren, nicht nach längeren Arbeitszeiten, wenn auch differenziert nach Geschlecht und Beschäftigungsform. Nach dem Mikrozensus 2024 war der eigene Wunsch nach Teilzeit mit 27,9 Prozent der häufigste genannte Grund für eine reduzierte Arbeitszeit unter den 13,1 Millionen Teilzeitbeschäftigten, wobei Frauen (28,9 Prozent) diesen Grund etwas häufiger angaben als Männer (24,9 Prozent). Bei Frauen spielt zusätzlich die Betreuung von Angehörigen eine große Rolle (28,8 Prozent gegenüber 6,8 Prozent bei Männern), während Männer häufiger Aus- und Fortbildung als Grund nennen (21,5 Prozent gegenüber 8,4 Prozent bei Frauen).

Diese Wünsche werden von der Politiker häufig als Faulheit gebrandmarkt. Der wahre Grund für den Wunsch weniger zu arbeiten, liegt jedoch in den Fehlanreizen. Mehrarbeit lohnt sich aufgrund der hohen Steuer- und Abgabenquote in Deutschland, die in der Summe schon bei Durchschnittseinkommen inklusive Mehrwertsteuer bei 70 Prozent liegen kann, immer weniger. Bei Geringverdienern kommt das hohe Bürgergeld hinzu. Bei der Mittelschicht sorgen zunehmende Erbschaften für weniger Arbeitsdruck.

Haltung von Gewerkschaften

Die Gewerkschaften lehnen eine Verlängerung der Arbeitszeit ohne vollen Lohnausgleich geschlossen ab. Bei Mercedes rief die IG Metall im August 2026 bundesweit zu Protesten auf und lehnt eine Ausweitung auf 40 Stunden ohne Lohnausgleich als inakzeptabel ab. Ver.di-Chef Frank Werneke sieht in den Reformpläne einen „Freibrief“ für Arbeitgeber, um aus Beschäftigten „das Letzte rauszuholen – ohne Rücksicht auf die Gesundheit“, und bestreitet grundsätzlich, dass Reformbedarf bestehe: Es gebe bereits „Hunderte von Tarifverträgen mit hochflexiblen Arbeitszeitmodellen“. Besonders kritisiert er, dass Arbeitgeber über ihr Direktionsrecht künftig Beschäftigte theoretisch bis zu 13 Stunden am Stück arbeiten lassen könnten, was er als „gegen jeden Gesundheitsschutz“ wertet.

Statt längerer Arbeitszeiten setzen viele Gewerkschafter auf das gegenteilige Modell: die Vier-Tage-Woche. Ein deutschlandweites Pilotprojekt mit der Universität Münster, an dem ursprünglich 45 Unternehmen sechs Monate lang teilnahmen, zeigte zwei Jahre nach dem Start, dass 70 Prozent der beteiligten Arbeitgeber weiterhin an der Arbeitszeitverkürzung festhalten. 87 Prozent berichteten von besserer Mitarbeiterbindung, mehr als 90 Prozent von verbesserter Work-Life-Balance, und drei Viertel sahen eine gesteigerte Arbeitgeberattraktivität.

Was die Bundesregierung plant

Im Juni 2026 wurde ein erster, 21-seitiger Referentenentwurf des Bundesarbeitsministeriums unter Ministerin Bärbel Bas (SPD) bekannt. Er sieht vor, dass grundsätzlich der Achtstundentag bestehen bleibt, Abweichungen davon aber an Tarifverträge gekoppelt werden. Arbeitgeber und Gewerkschaften könnten dann per Tarifvertrag eine reine Wochenarbeitszeit vereinbaren. Zusätzlich sollen Arbeitgeber grundsätzlich zur elektronischen und taggleichen Erfassung der Arbeitszeit verpflichtet werden, Vertrauensarbeitszeit soll aber weiter möglich bleiben.

Der Entwurf löste jedoch massive Kritik aus der Union selbst aus – gerade weil er die Flexibilisierung an Tarifverträge bindet und damit vor allem nicht tarifgebundenen Betrieben nichts bringt.

Seither steckt die Reform in der sogenannten Ressortabstimmung zwischen den Ministerien fest. Stand Mitte September 2026 handelt es sich weiterhin nur um einen internen Referentenentwurf, der nicht Teil des am 2. Juli 2026 vorgestellten 34-Punkte-Reformpakets der Koalition war, nicht vom Kabinett beschlossen und nicht im Bundestag beraten wurde.

Fazit: Es ist noch unklar, wohin die Reise geht. Die eigentliche Kraftmessung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern findet ohnehin derzeit nicht im Bundestag, sondern in der Tarifrunde für die Metall- und Elektroindustrie statt.

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